Wort des Lebens Mai 2026

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ 
(Johannes 20,21-22)
 
Auch wenn ich versuche, mich überlegt, wohlwollend und einfühlsam auszudrücken, werde ich manchmal missverstanden. Selbst eine Botschaft, die in Liebe gesagt ist, kann ins Leere laufen oder sogar auf Ablehnung stoßen. Zugleich kenne ich auch die umgekehrte Situation: Ein Blick oder eine Geste können genügen, und das Gegenüber begreift, was ich mitteilen möchte. Manchmal entsteht sogar Gespräch, obwohl verschiedene Sprachen gesprochen werden. Sowohl in vertrauten Beziehungen als auch gegenüber Fremden – das Gelingen von Kommunikation lässt sich nur begrenzt steuern. Es ist immer auch Geschenk.
    Eine Erfahrung, die auch Jesus gemacht hat. Manchmal erfassten Menschen, die Jesus vorher nie begegnet und kulturell ganz anders geprägt waren, seine Botschaft intuitiv. Oft jedoch haben selbst seine Mutter oder seine Jüngerinnen und Jünger ihn nicht verstanden. Spätestens am Kreuz schien die Botschaft Jesu unverstanden zu verhallen; vielleicht hätten einzelne Geschichten über den Wundertäter aus Nazareth ein paar Generationen überlebt. Dass wir jedoch noch 2000 Jahre später unser Leben im Licht von Leben und Botschaft Jesu verstehen und gestalten können, ist ein unbegreifliches Geschenk – ein Wunder. 
 
Gott schafft Verstehen

Dieses Wunder feiern wir an Pfingsten. Was sich da genau ereignet hat, wissen wir nicht. In der Bibel finden sich sehr unterschiedliche Erzählungen davon. Entscheidend ist, dass etwas Außergewöhnliches geschah: Ängstliche Menschen, die bis dahin nicht mit Jesus in Verbindung gebracht werden wollten, lassen plötzlich keine Möglichkeit mehr aus, sich zu ihm zu bekennen. Begriffsstutzige Menschen, die etwa drei Jahre den Menschen Jesus angehört und befragt hatten, ohne den Kern seiner Botschaft zu verstehen, begreifen plötzlich dessen Leben und Predigt und begeistern andere damit. Der auferstandene Jesus hat sich ihnen begreifbar gemacht – in einer Weise, die weit über Worte und Gesten und weit über intellektuelles Verstehen hinausreicht.
    Für die Jüngerinnen und Jünger muss es eine so überwältigende Erfahrung gewesen sein, dass sie keine andere Erklärung hatten als das schöpferische Eingreifen Gottes selbst. Das hier etwas Außergewöhnliches, gar etwas ganz Neues geschieht, drückt sich in unserem „Wort des Lebens“ aus: „Anhauchen“ taucht im Johannesevangelium nur an dieser Stelle auf und erinnert an den Schöpfungsbericht (Genesis 2,7). Wie Gott jedem Menschen am Anfang Lebensatem einhaucht und wie er Jesus im Tod zum Leben erweckte, so haucht jetzt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern neues Leben ein. Belebt und beseelt von Jesu Geist begreifen sie, dass sie gesandt sind: Wie Jesus sein ganzes Leben – all seine Gesten, Blicke und Worte – als Ausdruck und Botschaft der Liebe seines Vaters verstanden hat, so können und sollen auch sie in allem Gottes Liebe Ausdruck verleihen. 
 
Von Jesus angehaucht

Mich berührt die Vorstellung, wie Jesus mich persönlich anschaut und mich anhaucht. 
Vielleicht lohnt es sich auch für dich, einen Moment darin zu verweilen: Jesus haucht mir Leben ein. Eine Meditation, allein oder mit anderen, kann sich von den Fragen leiten lassen: Wo habe ich den Atem Jesu zuletzt gespürt, also Momente, die mich aufgerichtet haben? Was in mir würde ich gerne von Jesus anhauchen und zu neuem Leben erwecken lassen? Welcher Beziehung täte es gut, mir vor Augen zu halten, dass auch der oder die andere von Jesus angehaucht und inspiriert ist?
    Das Anhauchen kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen: durch eine Liedzeile, ein Wort oder eine Geste des Gegenübers oder im Gebet. Manchmal liegt darin gar nicht die Hilfe, die ich mir erhofft hatte, aber immer liegt darin Lebendigkeit. Ich spüre dann neues Selbstbewusstsein, das meine Ängstlichkeiten und Unsicherheiten überstrahlt. Als würde ich neu verstehen, dass auch ich gesandt bin, einen Hauch der Botschaft Jesu für andere greifbar zu machen. Sendung ist so nicht eine Idee für mein Leben, die ich verstehen und der ich gerecht werden müsste. Sie ist vielmehr eine Ermutigung, dass alles, was ich tue und lasse, mit oder ohne Worte sage, von Jesu Lebensatem durchströmt sein kann. Wenn es gelingt, kommt es zwar nicht immer an, aber es verhallt nie.
 

Michael Berentzen, Rom, Münster 

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