Gibt es ein Richtig und ein Falsch?

Wahrheit und Lüge: zwei emotional aufgeladene Begriffe. Sie beeinflussen unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unser Selbstbild und unser Wohlbefinden.
Wohl jeder Mensch lehnt die Lüge im Grundsatz ab. Und doch: Jeder Mensch lügt – im Schnitt zweimal am Tag. Und: Menschen rechnen damit, belogen zu werden – im privaten Umfeld, in der Politik und auch in den Medien. 

Lüge ist dabei nicht gleich Lüge. Während mit der sozialen Lüge kleinere Unwahrheiten gemeint sind, die erzählt werden, um eine unangenehme Situation zu entschärfen oder um die Gefühle anderer zu schonen, hat die vorsätzliche oder strategische Lüge den eigenen Vorteil zum Ziel.

Wenn Lüge im gesellschaftlichen Zusammenleben gezielt eingesetzt wird, spricht man von Desinformation. Desinformation ist kein neues Phänomen. In der digitalen Welt sind die Verbreitungsgeschwindigkeit und die Reichweite jedoch unvergleichlich größer. So kann gezielte Falschinformation schneller, passgenauer und massenhafter gestreut werden.
Im politischen Raum ist der Vorwurf der Lüge allgegenwärtig: Von der Corona-Lüge, über die Impf-Lüge, die Asyl-Lüge bis hin zur Klima-Lüge ist alles dabei. Auffällig ist, dass die meisten dieser Vorwürfe aus dem rechtspopulistischen Lager kommen, das es seinerseits mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Mit großer Empörung vorgebrachte Lügenvorwürfe sind oft selbst eine Lüge.

In einer vielfach unüberschaubaren Welt ist eine gehörige Portion Demut gefragt. Es gibt so unendlich viel, was ein einzelner Mensch nicht weiß und nicht wissen oder gar durchdringen kann. Könnte es eventuell angezeigt sein, nicht immer und sofort zu allem eine Meinung zu haben, sondern sich Zeit zu lassen, sorgfältig nach vertrauenswürdigen Quellen zu suchen?

Und die Wahrheit? Der Begriff legt nahe, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt. Schwarz und Weiß. Glaubende Menschen sind überzeugt, dass es die Wahrheit nur in Gott gibt. Für Christen zeigt sie sich in einer Person: Jesus Christus.
Im menschlichen Zusammenleben und gerade in der Politik ist Wahrheit ein zweischneidiger Begriff: Ja, es geht darum, wahrhaftig zu sein, aber nicht darum, die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. Zu behaupten, die Wahrheit zu besitzen, zeichnet autoritäre Regime aus, nicht aber eine Demokratie. „Wichtiger als unser jeweiliger Anspruch auf Wahrheit und das Rechthaben ist die ständige Suche nach ihr. Dabei ist ständige Skepsis notwendig, nicht zuletzt bei unseren eigenen Urteilen“, schrieb Lukas Gedziorowski in einem Beitrag für den Deutschlandfunk. 

Zu dieser Suche gehört, aktiv einzustehen für Wahrhaftigkeit und Mitmenschlichkeit. Das kann etwa heißen, darauf zu achten, wo wir selbst vorschnell auf „Notlügen“ zurückgreifen. Es kann heißen, die eigene Position nicht mit Verachtung gegenüber Andersdenkenden zu vertreten. Es kann weiter heißen, bei aller gebotenen Skepsis in einzelnen Situationen grundsätzlich das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse zu bewahren. Und schließlich kann es bedeuten einzugreifen, wenn Menschen oder ganze Gruppen aufgrund von Lügen ausgegrenzt werden.

Vielleicht nähern wir uns so dem an, was Jesus im Johannesevangelium meint, wenn er dazu auffordert, die Wahrheit zu tun: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Johannes 3,21). 
Etwas mehr Licht wird dem Ringen um die Wahrheit sicher nicht schaden!

 

Dies ist ein gekürzter Beitrag von Peter Forst aus der Zeitschrift NEUE STADT, die sich in ihrer März/April-Ausgabe mit dem Thema „Fake News – Realität wird verhandelbar“ beschäftigt. Möchten Sie auch die weiteren Beiträge lesen? Dann können Sie HIER ein Probe-Heft anfordern oder das Magazin NEUE STADT abonnieren.


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