Wort des Lebens Oktober 2026

„Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen“ (2 Mose 22,20)     

    Im globalen Rahmen von klimatischen Veränderungen, Kriegen und humanitären Krisen beobachten wir weltweit eine Tendenz zu nationalem Stolz und die Zunahme von Autoritarismus, die eine Bedrohung für Demokratien darstellt. Durch extreme Ungerechtigkeiten sehen sich viele gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen.
    Wegen seiner Aktualität und seiner politischen Relevanz hat mich dieses Wort fasziniert. Es ist ein starkes Wort, ein Imperativ mit geschichtlicher und politischer Dimension. Denn der Glaube beeinflusst das Handeln jedes Einzelnen und damit auch unsere Lebensgestaltung, unsere Haltung in der Welt. Wir müssen uns die Frage stellen: Wie beeinflusst mein Glaube meine politische Einstellung und mein Engagement?
    Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen nach Geschwisterlichkeit. Chiara Lubich nennt die Politik „die Liebe aller Lieben“, denn durch sie werden alle anderen Bereiche des Lebens beeinflusst. Sie kann die Voraussetzungen schaffen, damit die Gesellschaft sich in all ihren Ausdrucksformen zum Guten entwickelt. Politisches Engagement, das den Dialog, die Solidarität und die Gerechtigkeit fördert, kann ein Akt der Liebe sein.

    Wer oder was ist der Fremde?

    Um diesen Vers zu verstehen, müssen wir ihn im Kontext betrachten: Im 2. Buch Mose gibt Kapitel 22 verschiedene Regeln und Anweisungen für das Volk Israel vor. Im Abschnitt über den „Schutz vor Unterdrückung und Ausbeutung“ wird deutlich, dass Gott auf der Seite der Schutzbedürftigen steht. Die Erfahrung des Volkes Israel, das von Gott aus Ägypten herausgeführt wurde, steht dabei im Zentrum. Zugleich erfolgt eine Warnung vor Gottes Zorn gegenüber der Ausbeutung von Fremden und Unterdrückten, mit denen er Mitleid hat.  
    Uns stellt sich die Frage: Was heißt dieses Wort heute für den Umgang mit meinen Mitmenschen?

    Mit zehn Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, mit meiner Familie aus meinem Heimatland Portugal wegzuziehen und nach Deutschland auszuwandern. In manchen Situationen führte das Verhalten anderer dazu, dass ich mich wie eine Fremde fühlte. Ich bin mir sicher, viele von euch können sich damit identifizieren: sich ausgeschlossen oder fehl am Platz zu fühlen. Meine Erfahrung ist die Erfahrung von so vielen anderen. Dabei sind wir doch Teil der vielfältigen Realität der Länder, in denen wir nun leben. Jesus hat uns das Gebot der Nächstenliebe gegeben. Menschen, die von weit her kommen, eine andere Sprache sprechen oder eine andere Kultur mitbringen, sind unsere Nächsten – auch heute.

    Zu wandern, zu pilgern

    Anlässlich des 111. Welttags des Migranten und Flüchtlings 2025 bezeichnet Papst Leo XIV. Migranten als „Missionare der Hoffnung“. „Diese Verbindung zwischen Migration und Hoffnung zeigt sich deutlich in vielen Migrationserfahrungen unserer Zeit. Viele Migranten, Flüchtlinge und Vertriebene sind privilegierte Zeugen der im Alltag gelebten Hoffnung, indem sie sich Gott anvertrauen und Widrigkeiten ertragen, in der Aussicht auf eine Zukunft, in der sie das Herankommen von Glück und ganzheitlicher menschlicher Entwicklung erahnen. In ihnen erneuert sich die Erfahrung des wandernden Volkes Israel.“
Hinauszugehen und nach besseren Lebensbedingungen zu suchen, gehört zum Überlebens- und Entwicklungstrieb unserer menschlichen Natur. Wir sind auf der Durchreise auf dieser Erde, über die Spanne unserer Lebenszeit hinweg. Für Christen ist das Leben selbst die größte aller Pilgerreisen, mit dem Ziel der ewigen Heimat. Weil wir nicht Besitzer, sondern Pilger sind, sollten wir entsprechend mit unserer Erde umgehen: mit der Achtsamkeit dessen, der nur vorübergeht; mit der Demut dessen, dem nichts gehört, der alles empfängt, weil alles Geschenk ist. Und deswegen sollten wir danach streben, das, was wir als Geschenk empfangen haben, zu respektieren, zu bewahren und letztendlich in einem besseren Zustand zu hinterlassen – für die nächste Generation von Wandernden.

                                                                               Mariana Lufinha, Wien

 

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