Jugendliche und Erwachsene organisieren sechs Spielnachmittage für Kinder und Jugendliche der Kollektivunterkunft Tiefenau in Bern in jener Turnhalle, die ganz nahe der provisorischen Unterkunft für geflüchtete Familien und Einzelpersonen ist. Freies Spiel, Gruppenspiele und ein gemeinsames Zvieri stehen jeweils auf dem Programm.
Emanuela Chiapparini ist Dozentin und Leiterin des Instituts "Kindheit, Jugend und Familie" an der Berner Fachhochschule. Sie ist seit ihrer Jugendzeit ehrenamtlich in der Jugendarbeit der Fokolar-Bewegung engagiert. Die Fragen über Sinn und Risiken eines solchen Engagements von Beatrix Ledergerber-Baumer.
Frage: Viele Jugendliche sind «freeze» - eingefroren -, angesichts der andauernd schlechter und schwieriger werdenden Weltlage. Was hat dieser kleinen Initiativgruppe geholfen, diese «Starre» zu überwinden?
Emanuela Chiapparini: Aus meiner Sicht liegt die Hauptmotivation dieser Gruppe darin, gemeinsam etwas Konkretes für andere Menschen zu tun, selber auch Spass zu haben und das Ohnmachtsgefühl gegenüber den schwierigen Lebenssituationen von geflüchteten Kindern für einige Stunde zu erleichtern. Einige von diesen Jugendlichen haben bereits in anderen sozialen Aktionen mitgemacht und bringen schon positive und sinnstiftende Erlebnisse mit. Zudem ist das Format des Spiels universell und geht über die Sprach-, Kultur- und Altersgrenze hinweg. Eine Teilnehmerin erklärte mir, dass sie lieber Taten statt Worte habe und deshalb regelmässig an solchen Aktivitäten teilnimmt.
Es besteht die Gefahr, dass so ein Projekt zum «Sozialtourismus» verkommt: um das eigene Gewissen zu beruhigen, machen wir etwas Sinnvolles?
Diese Gefahr besteht. Deshalb wurden die Spielnachmittage mit der Leitung der Kollektivunterkunft Tiefenau abgesprochen, welche andere Aktivitäten für die Kinder und Familien fördert und begleitet. Die Kinder der Unterkunft nehmen freiwillig teil und die Eltern müssen ihre Einwilligung zur Teilnahme geben. Weiter finden diese Aktivitäten regelmässig statt, damit eine gegenseitige Vertrautheit mit der Gruppe entstehen kann, die Raum für Rückzug zulässt.
Trotzdem: ist dieses Engagement nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?
Um die Situation der geflüchteten Kinder zu verbessern, braucht es selbstverständlich umfassendere Massnahmen. Das wissen die in diesem Projekt engagierten Jugendlichen und Erwachsenen auch. Es ist aber auch Fakt, dass geflüchtete Menschen in der gleichen Stadt mit uns wohnen und wir uns nicht kennen oder nur medial mit teilweise verzerrten Bildern.
Gleichzeitig ist bekannt, dass erst durch die direkte Begegnung mit Menschen aus verschiedenen Kulturen und Lebensumständen gegenseitige Vorurteile abgebaut und eine inklusivere Gesellschaft geschaffen werden können. Der direkte Kontakt ermöglicht einen Perspektivenwechsel und Selbsterkenntnisse, z.B. welche Hürden geflüchtete Kinder zu überwinden haben, wie Ungewissheit, Wohnortswechsel oder Sprache. «Ich war erstaunt zu sehen, dass zwei Kinder auf Italienisch miteinander sprachen, denn ihre zwei Familien waren zuvor einige Zeit in Italien in einem Durchgangsheim», sagte mir eine Teilnehmerin.
Gemeinsam spielen hat sicher ein besonderes Potential...
Ja, gewisse Spiele sind in den unterschiedlichen Kulturen gleich oder ähnlich. So findet man schnell Gemeinsamkeiten und kann gleichzeitig voneinander neue Varianten lernen. Das Spiel ermöglicht zudem, verbal, non-verbal und emotional zu kommunizieren, über den eigenen Schatten zu springen, Spielfähigkeiten zu fördern, gemeinsam zu lachen und Zugehörigkeit zu erleben. Ein Teilnehmer wollte nur für eine Stunde dabei sein, weil er danach an einer Geburtstagsfeier eines Kollegen teilnehmen wollte. Doch dann blieb bis zum Schluss des Spielnachmittags und verschob die Ankunftszeit der Geburtstagsparty.
Blick in ein Zimmer für Familien in der temporären Container-Unterkunft Tiefenau für 600 ukrainische Schutzsuchende.
Interview: Beatrix Ledergerber-Baumer; Fotos: Helen Coombs, Emanuela Chapparini.